Die deutsch-indischen Beziehungen aus der Sicht des neuen IGCC-Leiters: Stefan Halusa

Sanika Diwanji im Gespräch mit Stefan Halusa, Generaldirektor der Deutsch-Indischen Handelskammer, über die verschiedenen Aspekte der deutsch-indischen Handelsbeziehung, die Pandemie- und Pandemiefolgenbeseitigung und seine Zeit in Indien seit seinem Amtsantritt im September 2020.

Die deutsch-indischen Beziehungen aus der Sicht des neuen IGCC-Leiters: Stefan Halusa

Sanika: Wie hat sich die Pandemie auf die deutsch-indische Wirtschaftsbeziehung und Zusammenarbeit ausgewirkt?

Stefan: Die Pandemie hat sicherlich die deutsch-indischen Handelsbeziehungen gestört. Die Zahlen belegen das, z.B. mit einem Rückgang des indischen BIP um 24% im zweiten Quartal 2020. Die Arbeitslosenquote stieg in Indien drastisch an, als die Pandemie zuschlug, in Deutschland erlebten wir ein sehr hohes Maß an Kurzarbeit. Dies führte zu einem Rückgang der indischen Exporte nach Deutschland um 5 % und der deutschen Exporte nach Indien um rund 10 % im Vergleich zu 2019. Beide Länder konnten den Handel aber auch schnell wieder ankurbeln. Zwischen Januar und Juli 2021 wuchs der bilaterale Handel um 20 % (deutsche Exporte nach Indien) bzw. 25 % (indische Exporte nach Deutschland). Im Hinblick auf ausländische Direktinvestitionen ist Indien nach wie vor ein attraktiver Markt. Das Land ist ein Ziel für ausländische Direktinvestitionen in vielen Sektoren, wobei der Dienstleistungssektor im Jahr 2020 die größte Bedeutung hatte. Darüber hinaus hat die digitale Transformation den Unternehmen eine gewisse Unterstützung geboten. Um die Großkonzerne herum sehen wir eine schnell wachsende Zahl von Start-ups, was dort zur dritthöchsten Zahl von „Einhörnern“ führt und einen weiteren wichtigen Bereich für die künftige Zusammenarbeit zwischen Indien und Deutschland darstellt. 

Sanika: Auf welche Schlüsselindustrien werden Sie sich bei der weiteren Zusammenarbeit mit der IGCC konzentrieren? 

Stefan: Die deutschen Exporte nach Indien konzentrieren sich seit Jahren hauptsächlich auf den Automobilsektor, Investitionsgüter, Pharmazeutika und die chemische Industrie. Indische Exporte ebenfalls auf Chemie/Pharma und Investitionsgüter, aber auch auf Textil/Leder und Nahrungsmittel. Ich sehe zwar Potenzial in beide Richtungen, aber keine dramatische Verschiebung in den jeweiligen Industriezweigen. Auch die Energiewende wird eine wichtige Rolle spielen. Mitglieder aus beiden Ländern sind in Gesprächen zu verschiedenen Aspekten von Wasserstoff, Solarenergie und anderen Bereichen der erneuerbaren Energieerzeugung. Deutsche Unternehmen verfügen über das Know-how und die Technologien, und dies ist ein Sektor, den wir im Vergleich zur Vergangenheit stärker in den Fokus rücken wollen. 

Sanika: Welche Rolle würde Hamburg in dieser bilateralen Beziehung spielen? 

Stefan: Zusätzlich zu den oben genannten Punkten möchte ich dazu zwei weitere Bereiche nennen, in denen Hamburg eine wichtige Rolle in den deutsch-indischen Beziehungen spielen kann und wird. Hamburg ist zum einen ein wichtiger Logistikknotenpunkt in Deutschland und in Europa. Es gibt See-, Schienen-, Straßen- und Luftverkehrsverbindungen, und in Hamburg ist eine ganze Reihe wichtiger Akteure im Bereich der Logistik ansässig. Die indische Regierung hat die Bedeutung einer nachhaltigen Umgestaltung des Logistiksektors erkannt, und wir haben eine Task Force ins Leben gerufen, um unseren Beitrag zu dieser Umgestaltung zu leisten. Zum anderen hat der Medizintechnik- und Gesundheitssektor ein enormes Potenzial. Bereits vor der zweiten Welle hatte die indische Regierung beschlossen, die Ausgaben in diesem Bereich deutlich zu erhöhen. In den nächsten drei Jahren werden große Investitionen in die medizinische Infrastruktur fließen. 

Sanika: Indien ist ein wichtiger Exporteur von Rohstoffen für den Pharmasektor. Würde das den bilateralen Handel zwischen Deutschland und Indien weiterhin fördern - vor allem, wenn man bedenkt, dass es weltweit eine Verschiebung weg von China gibt? 

Stefan: Ja, das sollte unserem bilateralen Handel helfen. Indien ist ja als die „Apotheke der Welt“ bekannt. Es werden viele Arzneimittel aus Indien nach Europa, einschließlich Deutschland, exportiert. Andererseits ist Indien auch stark von Vorleistungen aus China abhängig. Angesichts der laufenden Diskussionen über die „Entkopplung“ und die Notwendigkeit belastbarerer Lieferketten besteht nun die Chance, die Lieferketten anzupassen, was zu einem höheren Handelsvolumen von Chemikalien und Arzneimitteln zwischen Indien und Deutschland führen kann, und zwar in beide Richtungen. Wir haben in diesem Bereich gemeinsame Interessen. Wir von IGCC werden unseren Teil dazu beitragen, diese Partnerschaften zu fördern, damit beide Länder von stärkeren Beziehungen profitieren können. 

Sanika: Die indische Regierung hat sich aktiv dafür eingesetzt, Indien wirtschaftsfreundlicher zu machen. Spiegelt sich das in Ihrer Arbeit oder in der allgemeinen Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern wider? 

Stefan: IGCC hat auch in diesem Jahr zusammen mit KPMG unsere jährliche Umfrage unter deutsch-indischen Unternehmen durchgeführt. Die Umfrage wurde im Juni veröffentlicht. Die Ergebnisse zeigen, dass die Bürokratie, die Komplexität des indischen Steuersystems und die Rechtsunsicherheit nach wie vor ein Grund zur Sorge für deutsche Unternehmen sind. Es gibt aber auch positive Tendenzen, wie z.B. die einheitliche Anlaufstelle für die Registrierung und Gründung von Unternehmen. Das Ranking der Weltbank im „Ease of Doing Business Index“, in dem sich Indien von Platz 77 im Jahr 2019 auf Platz 63 im Jahr 2020 deutlich verbessert hat, unterstreicht dies. Allerdings gibt es in diesem Bereich weiterhin Raum für Verbesserungen. Darauf werden wir uns also in den kommenden Quartalen konzentrieren. Wir werden uns nicht nur auf die Zentralregierung und die Regierungen der Bundesstaaten fokussieren, sondern auch auf die lokalen und regionalen Regierungen, um die Rahmenbedingungen für Investitionen und die Geschäftstätigkeit für Unternehmen, die bereits im Land präsent sind, zu verbessern. 

Sanika: Auf welche Hürden stoßen indische Unternehmen beim Versuch, sich in Deutschland zu etablieren? 

Stefan: Ein Hauptproblem, von dem wir in letzter Zeit immer wieder hören, sind die Visa- und Arbeitserlaubnisverfahren. Indische Unternehmen, die Niederlassungen in Deutschland gründen wollen, beschweren sich darüber. Es gibt zwar ein bilaterales Schnellverfahren, über das sich indische und deutsche Unternehmen bei Problemen im Geschäftsverkehr an ihre jeweilige Botschaft wenden können. Soweit ich weiß, haben indische Unternehmen dieses Schnellverfahren aber bisher nicht ausreichend genutzt, um Probleme zu lösen. Es scheint jedoch, dass es der Ausgangspunkt ist, der Probleme verursacht, und nicht die spätere Geschäftstätigkeit. 

Sanika: Sie sind jetzt seit einem Jahr im Amt, was war bisher ein Highlight bei der Arbeit? 

Stefan: Sowohl der bisherige Höhepunkt als auch der Tiefpunkt sind eng mit der Pandemie verbunden.

Obwohl ich dieses Amt im September 2020 angetreten habe, bin ich aufgrund der Pandemie erst Anfang Januar 2021 in Indien angekommen. Als ich hier ankam, musste ich eine zweiwöchige Quarantäne absolvieren, was ganz in Ordnung war, wenn man bedenkt, dass auch Deutschland damals noch im Lockdown war. Nach der Quarantäne konnte ich mich frei bewegen, Leute treffen und reisen. Das war ein erster Höhepunkt, um richtig durchzustarten und loszulegen. Doch Anfang April kam der Tiefpunkt: Die zweite COVID-Welle. Die Regierung von Maharashtra kündigte einen weiteren strengen Lockdown an, und alles kam zum Stillstand. Das Büro in Mumbai war geschlossen und ich musste in meiner Wohnung bleiben, war hauptsächlich mit Videokonferenzen, Telefonaten und der Beantwortung von E-Mails beschäftigt, 7 Tage die Woche. Keine persönlichen Treffen mehr; das war eine sehr abrupte Veränderung.

 Aber das haben wir jetzt hinter uns, und ich drücke die Daumen, dass es keine dritte Welle geben wird. Ich bin zweimal geimpft und gehe daher davon aus, dass ich viel besser geschützt bin als zu Beginn des Jahres. Ich habe angefangen zu reisen und treffe mich mit Mitgliedern und anderen Akteuren im deutsch-indischen Kontext, was mir wirklich Spaß macht. Natürlich hoffe ich, dass ich bald auch die Gelegenheit haben werde, das Land zu bereisen. Bis jetzt habe ich noch nichts gesehen - ich war weder im Taj Mahal noch in Rajasthan, noch in den Ferienorten in Goa oder in den Bergen im Norden. Ich freue mich schon darauf, denn das Reisen war unter anderem ein Grund, warum ich in Indien leben und arbeiten wollte. 

Jetzt freue ich mich aber erst einmal auf die India Week in Hamburg und hoffe, dass ich persönlich an der Veranstaltung teilnehmen kann. Schon jetzt wünsche ich allen ein erfolgreiches Event und viele interessante persönliche Begegnungen.