Studieren in Hamburg - Erfahrungen indischer Studierender

Deutschland und Indien verbindet eine langjährige Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Bildung. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts begann Friedrich Max Müller sein lebenslanges Werk zur Förderung  indischer Studien und Kultur in Europa. Bis heute lebt sein Vermächtnis in Form der Goethe-Institute in Indien weiter, die ihm zu Ehren „Max Müller Bhavan“ genannt werden.

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Studieren in Hamburg - Erfahrungen indischer Studierender

In ähnlicher Weise regte Rabindranath Tagores‘ Einfluss auf den deutsch-indischen Kulturaustausch im frühen zwanzigsten Jahrhundert eine neue pädagogische Verbindung zwischen den beiden Ländern an. Im Laufe der Jahre setzten beide Länder diesen Austausch von Wissen, Ideen und Möglichkeiten fort und unterzeichneten mehrere bilaterale Abkommen auf dem Gebiet der Bildung und Technologie. 

Diese Verbindung spiegelt sich auch in der Tatsache wider, dass die Zahl der Inder:innen, die sich für ein Studium in Deutschland entscheiden, in den letzten zehn Jahren stetig zunahm. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes haben sich im Wintersemester 2019/20 im Vergleich zum Vorjahr fast 21 Prozent mehr indische Studierende an deutschen Hochschulen eingeschrieben. So wuchs die Anzahl indischer Studierender von 20.810  im Jahr 2018 auf 25.149 Studierende im Jahr 2019. Tatsächlich bilden indische Studierende hinter China die zweitgrößte Gruppe der an deutschen Hochschulen eingeschriebenen Studierenden aus dem Nicht-EU Ausland. 

In Hamburg, der zweitgrößten Stadt Deutschlands, gibt es über 13.746  internationale Studierende, von denen 588 aus Indien kommen (Wintersemester 2018/19). Mit dieser Zahl folgt Indien, was die Zahl ausländischer Studierender angeht, auf China und Russland und liegt vor Syrien, Iran und Vietnam. Was also macht Hamburg zu einer begehrten Wahl für indische Studierende? 

Die historische Hafenstadt verfügt über mehrere renommierte Universitäten und Forschungszentren, wie etwa die Universität Hamburg, die Technische Universität Hamburg (TUHH) und die Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. Hamburg ist zudem die Heimat des drittgrößten Hafens in Europa und somit ein wichtiges Zentrum für die maritime Industrie zusammen mit anderen Sektoren wie Luftfahrt, Logistik, Automobil, IT, Medien und Biotechnologie. Während weiterhin der Großteil der akademischen Programme auf Deutsch ist, gibt es inzwischen eine wachsende Anzahl von Bachelor- und Masterprogrammen, die auf Englisch angeboten werden. Die globale Ausrichtung der Stadt hat zudem insgesamt dazu geführt, dass der soziale Raum in Hamburg im Vergleich zum Rest von Deutschland englischfreundlich ist. 

„Als große Hafenstadt bietet Hamburg viele Möglichkeiten und Kontakte zu großen Industrien wie Logistik, Schiffbau, Chemie und mehr. Und eine größere Stadt bietet mehr Jobmöglichkeiten - sei es in Teilzeit oder Vollzeit. Außerdem empfand ich Hamburg als ziemlich sicher für Studierende", antwortet Vineet Gurlhosar, Masterstudent an der TUHH, auf die Frage, weshalb er sich für ein Studium in Hamburg entschieden hat. 

Für andere wie Nidhi Joshi, die an der Universität Hamburg in den Fachbereichen Psychologie und Human Computer Interaction promoviert, war der Umzug in die Hansestadt eine logische Konsequenz auf der Suche nach mehr interdisziplinären Forschungsmöglichkeiten. Die Universität Hamburg ist die drittgrößte Universität in Deutschland und bekannt für zahlreiche interdisziplinäre Projekte in den unterschiedlichsten Bereichen. „Ich mag meine Forschung, da ich völlig flexibel an dem arbeiten kann, was mich interessiert. Es gibt keinen Druck. Gleichzeitig bin ich durch das positive Forschungsumfeld immer motiviert, zu arbeiten. Ich bekomme Zeit, um Arbeit und Leben unter einen Hut zu bringen. Außerdem hat die Stadt viele schöne Gewässer und man hat hier eine Großstadtatmosphäre", erklärt Nidhi. 

Trotz all dieser positiven Aspekte kann der Umzug nach Hamburg für viele indische Studierende auch eine Herausforderung sein. Der hohe Lebensstandard in Hamburg kann besonders für diejenigen Studierenden zur Mammut-Aufgabe werden, die versuchen, ihr Budget für Essen, Miete und andere Lebenshaltungskosten nachhaltig aufzustellen. Als Neuankömmling in der Stadt kann es eine zuweilen entmutigende Aufgabe sein, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Darüber hinaus ist es eine Herausforderung, sich in der ausgeprägten Bürokratie und dem Papierkram in deutscher Sprache zurechtzufinden, jedenfalls soweit man keine Unterstützung durch lokale Netzwerke hat. Und während man sich mit all dem auseinandersetzt, muss man sich auch noch an das kalte, windige und nasse Hamburger Wetter und an die Aussage: „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung" gewöhnen. 

Sanjana Mahesh Adi, Masterstudentin an der Hafencity Universität, erzählt von ihrer Reise nach Hamburg: „Es war kein Zuckerschlecken, obwohl ich nach Deutschland zu meinem Mann gezogen bin. Der deutsche bürokratische Aufwand, das Organisieren von Dokumenten und Anträgen erforderte viel Zeit und Mühe. Die deutsche Sprache kann eine Barriere für die Kommunikation sein, obwohl dies mit der Zeit einfacher geworden ist. Das Erlernen einer neuen Sprache ist nicht einfach, aber es ist möglich. Auch die Abwesenheit von Familie und Freunden war anfangs recht schwierig. Außerdem waren die klimatischen Veränderungen, vor allem der Wechsel von etwa 28 Grad auf bis zu minus 15 Grad im Winter eine völlig neue Erfahrung." 

All das kann anfangs entmutigend wirken, aber Neuankömmlinge haben glücklicherweise ein sicheres Netzwerk in Form von universitären Orientierungsgruppen, studentischen Koordinator:innen, Lehrkräften und vor allem verschiedenen studentischen Vereinigungen zur Unterstützung zur Verfügung. Für Vineet Gurlhosar, der Mitglied der Indischen Studierendenvereinigung an der TUHH ist, „war es dank der Indischen Studierendenvereinigung nicht so schwierig, sich in Hamburg zurechtzufinden. Ich hatte von ihnen immer eine Anlaufstelle für Notfälle und die Vereinsmitglieder haben wirklich alles Wichtige zu Beginn des Semesters vermittelt." 

Die Indian Students' Association (ISA) in Hamburg wurde 2009 mit dem Ziel gegründet, die indische Community zu vernetzen und die indische Kultur an der Universität zu fördern. Durch sein aktives Engagement an der Universität hat der Verein eine große Reichweite und genießt einen guten Ruf. ISA pflegt enge Beziehungen zum indischen Generalkonsul in Hamburg und unterstützt daher auch Studierende, die mit Visa- oder anderen administrativen Problemen konfrontiert sind. Durch die Übernahme von mehr Verantwortung im Laufe der nächsten Jahre will die ISA nicht nur die indischen Studierenden besser unterstützen, sondern auch dazu beitragen, das Bewusstsein über Indien und seine Kultur in der lokalen und internationalen Gemeinschaft in Hamburg zu verbreiten.  

Abgesehen von den „formellen“ Vereinen gibt es inzwischen mehrere Social-Media-Gruppen, die sich um die in Hamburg lebenden indischen Studierenden kümmern. „Ich bin Teil von einigen WhatsApp- und Facebook-Gruppen der indischen Community. Wann immer ich Fragen habe, sind sie sehr hilfreich und klären alle meine Zweifel. Wenn eine Notsituation eintritt, sind sie immer da, um zu helfen. Da ich nicht in der Nähe meiner Familie wohne, gibt mir der Kontakt zu anderen Inder:innen ein heimeliges und glückliches Gefühl. Man fühlt sich wohl unter Menschen mit dem gleichen kulturellen Hintergrund, was das Leben in einem neuen Land einfacher und angenehmer macht", erklärt Sanjana. 

Für einige ist Hamburg ein langfristiger Anreiz, um sich niederzulassen und zu arbeiten, für andere ist die Stadt ein Sprungbrett, um zu lernen, ihren Horizont zu erweitern und letztlich doch weiterzuziehen. Für Sanjana fühlt sich Hamburg wie eine zweite Heimat an und sie kann sich durchaus vorstellen, auch nach ihrem Studium in dieser Stadt zu leben. „Es ist ein sehr ruhiger und gelassener Ort zum Leben. Hamburg ist ein Teil von mir geworden." Für Vineet hingegen ist klar, dass er Hamburg zwar liebt und die vielen Vorzüge der Stadt sehr genießt, aber er würde, nachdem er einige Jahre dort gearbeitet hat und Erfahrungen sammeln konnte, gerne nach Indien zurückkehren, um bei seiner Familie zu sein. 

Die Zuwanderung von Studierenden aus Indien trägt wesentlich dazu bei, Hamburg als internationalen Hochschulstandort bekannt zu machen. Vor allem aber ist sie ein entscheidender Faktor, der Deutschland hilft, dem Mangel an qualifizierten und hochqualifizierten Arbeitskräften entgegenzuwirken. In der Tat ist dieser Strom indischer Studierender ein fruchtbarer Boden, um die diplomatischen und kulturellen Beziehungen zwischen Indien und der Freien und Hansestadt Hamburg weiter zu stärken.

Autorin: Sanika Diwanji