Im Interview - Amita Desai

Wenn man über die Beziehungen zwischen Indien und Hamburg spricht, kommt man an einer Person eigentlich nicht vorbei: Amita Desai - ehrenamtliche HamburgAmbassadorin, seit 18 Jahren Gründungsgeschäftsführerin des Goethe-Zentrums Hyderabad und seit zehn Jahren Repräsentantin der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Amita hat eine lange und tiefe Verbindung zu Hamburg, da sie in dieser Hafenstadt aufgewachsen ist und auch ihren Master of Arts und Master of Education an der Universität Hamburg abgeschlossen hat.

Im Interview - Amita Desai

In diesem offenen Interview nimmt sie uns mit auf eine nostalgische Reise über ihre ganz persönliche Geschichte bis hin zu ihrer Verbindung sowohl zu Deutschland als auch zu Indien und erzählt uns, wie sie das Zusammentreffen dieser beiden Länder und Kulturen geprägt hat.

Sanika: Erzähl uns ein wenig über deine Verbindung zu Hamburg. Was sind einige deiner frühesten Erinnerungen, die du mit Hamburg und Deutschland verbindest?

Amita: Ich erinnere mich, dass, als ich etwa elf Jahre alt war, meine Eltern packten, um von Indien nach Deutschland zu ziehen. Das war in den frühen 70er Jahren. Ich erinnere mich noch lebhaft daran, dass ich ein Paar Ghungroos (ein traditionelles indisches Tanzaccessoire aus kleinen, metallischen Glöckchen) hatte, die beim Packen vergessen wurden. Meine Mutter wollte sie in Indien lassen aber ich bestand darauf sie mitzunehmen. Also steckte ich sie in meine Manteltasche und diese Ghungroos begleiteten mich den ganzen Weg nach Hamburg. Obwohl es sich nur um einen Gegenstand handelte, fühlte und fühlt es sich für mich an, als hätte ich ein Stück Indien mit nach Deutschland genommen. Er repräsentiert ein Stück meiner Kindheit und meiner Kultur, deren Bewahrung ich als kostbar empfinde. 

Ich denke wir sammeln auf diese Weise Erinnerungen und Emotionen. Wir vereinen auf diese Weise Eindrücke und Einflüsse, die dann letztendlich in unserer Persönlichkeit zum Ausdruck kommen. Und ich denke, das ist meine Verbindung zu Deutschland und Hamburg. Ich komme aus einer sehr stabilen Familie - meine Eltern sind beide Pädagogen. Sie haben mir viel Raum zum Wachsen gegeben - und ich bin gewachsen! Hier war ich, ein kleiner Setzling, der aus Indien mitgenommen und in einen unbekannten Ort wie Hamburg gepflanzt wurde, nur um zu gedeihen. Ich denke, dass vieles von dem, was ich bin, und wie ich bin, von diesen frühen Jahren in Deutschland - speziell Hamburg - geprägt wurde. 

Sanika: Was bedeutet die deutsch-indische Verbindung für dich? Hat sich nach all den Jahren etwas daran geändert, wie du als Inderin in Deutschland wahrgenommen wirst? 

Amita: Das ist eine sehr interessante Frage. Ich glaube nicht, dass ich bisher viel darüber nachgedacht habe, außer vielleicht unterbewusst. Vielleicht ist es einmal ganz schön, es nun aussprechen zu können.

Ich erinnere mich daran, dass ich in den 70er Jahren in Hamburg so etwas wie ein Novum war. Braune Haut, lange, tiefschwarze Haare... Ich weiß noch, wie ich mit der S-Bahn gefahren bin und jemand an meinen Haaren gezogen hat, um zu prüfen, ob sie echt sind! Einmal kam jemand und berührte meine Wangen, um zu sehen, ob sich die braune Farbe lösen würde. Aber so war das in den 70er Jahren. Meine Familie und ich waren damals ein bisschen ein Novum. Trotzdem empfand ich es nie als unangenehm.

Da mein Vater berufstätig war, gab es auch viele Leute, die uns bei sich aufnahmen und uns in ihre Kultur einführten. Einige Familien luden uns zu Oster- und Weihnachtsfeiern und anderen Veranstaltungen ein. So wurden wir schon bald von einem Novum zu einer normalen Familie. Da ich außerdem in Hamburg zur Universität ging, fühlte ich mich dort assimiliert.

Und du weißt ja selbst, dass Deutsche sehr direkt sein können. Sie stellen dir eine direkte, unbequeme Frage, ohne mit der Wimper zu zucken. Wenn du in einem Café oder einer Kneipe bist, kommst du mit den Leuten dort ins Gespräch, und es kann um die unterschiedlichsten Themen gehen. Viele meiner Freunde an der Universität stellten mir direkte und sachdienliche Fragen über meinen kulturellen Hintergrund, über Themen, die für mich bis dahin tabu waren, und ganz allgemein darüber, wie mein Leben als Erwachsene aussehen würde. Werde ich jemanden heiraten, den meine Familie für mich auswählt? Werde ich zurück nach Indien gehen? Das waren Fragen, über die ich nicht direkt nachgedacht hatte, und so begann ich, mich damit zu beschäftigen. Ich begann, diese Antworten für mich selbst zu suchen, und das hat mir wirklich geholfen, mich selbst zu finden. 

Jetzt, viele Jahrzehnte später, wenn ich nach Deutschland zurückkehre und Hamburg und das Goethe-Zentrum Hyderabad in einer offiziellen Funktion vertrete, sehe ich die Dinge anders. Ich habe den Vorteil der Erfahrung und Reife, so dass ich die Dinge auf einer anderen Ebene wahrnehme und meine individuellen Emotionen in den Hintergrund treten. Jetzt geht es mehr um eine breitere Kultur - was kann ich geben, was kann ich nehmen? Es war für mich bisher ein sehr gesunder Austausch und ein Lernen in beide Richtungen.  Durch die Erfahrung, in zwei Kulturen zu leben, bin ich gewachsen und habe persönlich ungemein hinzugewonnen. 

Sanika: Als Inderin und als HamburgAmbassadorin musst du dich regelmäßig zwischen zwei Grenzen und Identitäten bewegen. Gibt es einige Dinge, die du bewusst versuchst, an beiden Orten zu repräsentieren oder fernzuhalten? 

Amita: Ich bin froh, dass du diese Frage stellst. Ich denke, es ist wichtig, ich selbst zu sein. Ich repräsentiere Deutschland in meiner beruflichen Rolle hier am Goethe-Zentrum Hyderabad. Deshalb versuche ich, Schülerinnen und Schülern einige deutsche Grundwerte wie Pünktlichkeit zu vermitteln. Außerdem liegt mir die  Umwelt sehr am Herzen. Ich bin in den 70er Jahren in Deutschland aufgewachsen, wo mich der Gedanke des Umwelt- und des Naturschutzes sehr geprägt hat. An meinem Institut (Goethe-Institut) wird Umweltbewusstsein groß geschrieben. Ich nehme das sehr ernst, ebenso wie jeder in meinem Team und die Studierenden auch. Wir vermeiden zum Beispiel Plastik, wo wir nur können.

Ich repräsentiere mich auch als indische Frau, egal wo ich bin - mit allen Vor- und Nachteilen. Vor ein paar Jahren gab es einen indischen Film, „Lipstick Under my Burkha“, der in Hamburg gezeigt wurde. Ich nahm an der Podiumsdiskussion teil, denn ich hielt es nicht für unangemessen, offen über die Sexualität von Frauen und Gewalt im indischen Kontext zu sprechen. Ich glaube wirklich, dass es ein wichtiges Thema ist, das auch heute noch eine große Anzahl indischer Frauen bewegt und betrifft. Ich fühle mich also ganz natürlich als Vertreterin Indiens und als Inderin. Ich mag zwar global denken, aber letztendlich habe ich viel Indisches an mir und es ist völlig in Ordnung, Teil einer globalen Gemeinschaft zu sein, von einem Raum aus, den ich mein Eigen nenne. 

Aber dann wiederum mache ich das natürlich auch umgekehrt. Hier in Indien versuche ich ständig, wenn auch vorsichtig, meine Erfahrungen aus Deutschland einzubringen - ich sage vorsichtig, weil man sich leicht einen wertenden und besserwisserischen Ton angewöhnen kann. Ich finde es in Ordnung, über die offensichtlichen schwierigen Dinge zu sprechen, aber ich möchte nicht belehrend wirken, wenn ich diese beiden Länder und Kulturen vergleiche. Ich versuche einfach, das Beste aus beiden Welten zu verstehen und zu teilen. Wie kann ich die Lebensqualität durch das Zusammentreffen verschiedener Kulturen verbessern? Nur so können Grenzen überwunden werden und wir dabei ein positives und harmonisches Zusammenleben schaffen. 

Sanika: Wie wurdest du zur HamburgAmbassadorin?

Amita: Julia Dautel von der Behörde für Kultur und Medien - sie und ich arbeiten schon seit mehr als zehn Jahren an verschiedenen Projekten zusammen. Wir saßen eines Tages bei einer Tasse Kaffee in Hamburg und sie meinte, dass ich ihrer Meinung nach die richtige Person sei, um Ehrenbotschafterin der Stadt zu werden. Ich war anfangs ziemlich zurückhaltend, da ich mir nicht sicher war, ob ich die Kapazität hätte, noch mehr Arbeit zu übernehmen. Sie bestand jedoch darauf, da ich auch bereits in alle möglichen Projekte involviert war und meine Arbeit mit dem korrespondierte, woran das Ministerium glaubte und was es weiter fördern wollte. Nach etwas mehr Überzeugungsarbeit ihrerseits stimmte ich schließlich zu, diese Aufgabe zu übernehmen.

Ich muss sagen, es war bisher eine wunderbare und lohnenswerte Erfahrung. Wunderbar, weil ich viele neue Facetten Hamburgs kennenlernen und erkunden darf, die ich sonst nicht kennengelernt hätte. Ich fühle mich privilegiert, dass ich Mitglieder des Hamburger Senats treffen und die Interessen des Bundeslandes Hamburg vertreten darf. Außerdem lerne ich so viel dazu über die Handels- und Unternehmensverbindungen sowie andere kulturelle Aspekte. Während der India Week Hamburg 2017 war ich als Gast der Stadt eingeladen, im Gästehaus des Hamburger Senats zu übernachten, ein beeindruckendes, denkmalgeschütztes Gebäude an der Außenalster. Dieser Aufenthalt ist eines der schönsten Erlebnisse meiner Zeit in Hamburg. Daran erinnere ich mich sehr gerne.

Sanika: Was denkst du über Hamburg, wenn du heute nach all den Jahren wieder dorthin zurückkehrst?

Amita: Jeder Ort verändert sich und entwickelt sich auf seine eigene Weise. Aber Hamburg und Deutschland insgesamt haben eine Art, Räume und Städte auf eine achtsame Art wachsen zu lassen. In diesem Sinne ist Hamburg eine ganz besondere Stadt. Es ist einer der wenigen Orte, an die man zurückkehrt und die von Mal zu Mal schöner werden. Es gibt so viele Orte in Hamburg, die genauso sind, wie ich sie in Erinnerung habe. Jedes Mal, wenn ich zurückkehre, habe ich das Gefühl, dass ich auf die gleiche Art zu Hause bin wie vor langer Zeit. Das ist ein ganz besonderes Gefühl.

Sanika: Was sind einige deiner Lieblingsorte in Hamburg?

Amita: Der Hafen. Definitiv ein Spaziergang am Hafen, und der alte Tunnel an den Landungsbrücken,  und dann eine Bootsfahrt. Daran erinnere ich mich noch aus meiner früheren Zeit. In meiner Kindheit, wenn Besuch nach Hamburg kam, gingen wir immer zu den Landungsbrücken. Es ist unglaublich, wie oft ich bereits dort war! Dann gibt es natürlich noch andere Orte wie die Alster und die Universität. Außerdem bin ich in Othmarschen aufgewachsen, so dass mir dieser Stadtteil immer sehr vertraut sein wird.

Sanika: Gibt es einige Dinge, die du in Indien vermisst?

Amita: Ich vermisse es, als Frau nachts alleine spazieren gehen zu können. In der Lage zu sein, mit sich selbst zu sein, ungehindert, unbehelligt, außerhalb der großen Menschenmengen. Ich glaube, das vermisse ich. Ja. In gewisser Weise wünsche ich mir auch, dass wir mehr Grünflächen und Parks hätten. Die Kombination aus verschiedenen Wasserwegen, dem Grün, dieser sauberen und fußgängerfreundlichen Stadt, danach sehne ich mich oft.

Sanika: Was denkst du, ist die Rolle und der Beitrag der India Week Hamburg?

Amita: Ich finde es wunderbar, dass Hamburg Indien auf diese Weise feiert. Es ist eine großartige Gelegenheit für uns als Inderinnen und Inder, uns mit der Stadt zu verbinden, nicht nur auf wirtschaftlicher oder geschäftlicher Ebene - was es natürlich auch ist, sondern auch auf kultureller und persönlicher Ebene. Natürlich würden wir ohne die wirtschaftliche Verbindung keine so dauerhafte und nachhaltige Beziehung haben.

Ich erinnere mich an ein Jahr, in dem Indien die Gastnation beim Hafengeburtstag im Mai war. Ich war um diese Zeit in Hamburg, um am Treffen der HamburgAmbassadoren teilzunehmen. In diesem besonderen Jahr sah ich, dass es Bhangra- und Garba-Aufführungen (indische Volkstänze) im Hamburger Hafen gab. Das war ein toller Moment! Man hat durchaus das gute Gefühl, dass Hamburg Indien in seinen gesellschaftspolitischen Verbindungen einen respektvollen Raum gibt und den Wunsch und die Offenheit hat, sich mit Indien zu vernetzen.

Ich habe auch das Gefühl, dass dadurch tiefere Verbindungen geknüpft wurden, dass es die India Week Hamburg nun schon seit einigen Jahren gibt. Auch das Koordinationsteam ist wirklich interessiert und leidenschaftlich dabei, einen ganzheitlichen Mix an Aktivitäten mit den verschiedenen Veranstaltungen zu kuratieren. Es werden auf eine kreative Art Prozesse und Verbindungen in den Vordergrund gestellt, die tatsächlich von Bedeutung sind. Es ist so wichtig, dass die Organisatorinnen und Organisatoren Indien und Hamburg kennen. Nur mit diesem Hintergrund kann man über die Oberflächlichkeiten der beiden Kulturen hinausgehen.

Ich denke, die India Week Hamburg ist eine große Chance, die indische Akteurinnen und Akteure aufgreifen und aktiv mitgestalten sollten. Zum Beispiel im Bereich der Bildung - es gibt in beiden Ländern so viel zu entdecken im Bereich der Forschung und Bildung. Ich finde, die India Week Hamburg ist eine großartige Gelegenheit und macht dazu noch eine Menge Spaß!

Autorin: Sanika Diwanji